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Stadt+Region.
Ist die Zukunft der Stadt die Region?

- Christa Reicher, Canan Çelik

Den (Struktur) Wandel gestalten zwischen Grenz- und

Metropolregion

 

Die Beschäftigung mit der Beziehung zwischen Stadt und Region ist kein neues Thema. Auch wenn die Entwicklung von Städten schon immer in Wechselwirkung zur Region stand, so erfährt derzeit die Debatte um einen „Regionalen Städtebau“ und eine regelrechte „Regionalisierung der Stadtentwicklung“ eine neue Relevanz. Wir sehen an vielen Stellen, dass Wachstums- und Schrumpfung teilweise nebeneinander stattfinden und sich die Fragen eines entsprechenden Ausgleichs geradezu aufdrängen. In vielen Groß- und Mittelstädten fehlt Wohnraum, während gleichzeitig das Umland Leerstände zu verzeichnen hat. Es mangelt an Gewerbe- und Entwicklungsflächen für Städte und Kommunen, die sich in zentraler Lage in den Metropolen befinden. Vor diesem Hintergrund scheinen interkommunale Kooperationen naheliegend, um die notwendige Balance zwischen unterschiedlichen Entwicklungsdynamiken herzustellen.

In den vom Strukturwandel betroffenen Regionen wie der Metropole Ruhr und zukünftig dem Rheinischen Revier in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Metropolen Düsseldorf und Köln/Bonn stellen sich dieser Herausforderungen in besonderem Maße.

Was empirisch und theoretisch zu überzeugen mag, wirft jedoch einige praktische Fragen auf: Wie werden solche großräumigen Städtelandschaften gestaltet, nach welchen Prinzipien und mit welchen Mitteln sollte Städtebau im regionalen Maßstab stattfinden? Welche planerischen und städtebaulichen Konzepte erfordert und ermöglicht der regionale Maßstab? Wie lassen sich Kooperation und Konkurrenz zusammen denken? Und ist die Zukunft der Stadt nicht die Region...zumindest im Hinblick auf planerische Ansätze?

 

Diesen Fragen sind wir im Rahmen des Städtebaulichen Kolloquiums an der Architekturfakultät der RWTH Aachen im Winter 2018/19 nachgegangen und vertiefen diese in den kommenden Jahren u.a. mit dem Projekt „L’EAU. Laboratory for European Augmented Urbanism“, das die trinationale Agglomeration Rhein-Ruhr-Maas in ihren räumlichen, ökonomischen, sozialen und (bau-)kulturellen Schichten erforschen und abbilden will.

1. Zwischen Reurbanisierung und Regionalisierung

In zahlreichen europäischen Städten und Agglomerationen lassen sich gegenwärtig zwei, zunächst widersprüchlich erscheinende Prozesse beobachten: Reurbanisierung und Regionalisierung. Innenstädte und innenstadtnahe Stadtquartiere werden attraktiver, gerade für Menschen, die die Vorzüge des städtischen Lebens (womöglich wieder neu) entdecken. Diese Rückbesinnung auf die Kernstädte als Wohnstandort hat vielerlei Gründe; sie ist jedoch insbesondere gekoppelt an Veränderungen in der Arbeitswelt bzw. den Trend, Wohnen und Arbeiten effektiver verbinden zu müssen als dies ein Leben in den suburbanen Ballungsrandzonen in den meisten Fällen erlaubt. Hier sind gut organisierte, mit vielfältigen Funktionen ausgestattete Stadtviertel klar im Vorteil. Gleichzeitig findet eine weitere Regionalisierung des Städtischen statt. Der Diskurs über die Relevanz der Region hat derzeit Hochkonjunktur. Dies wird nicht zuletzt deutlich durch die zahlreichen Stadtumlandverbünde, die REGIONALEN in Nordrhein-Westfalen sowie Agglomerationskonzepte, die als innovative Formate an den Start gehen.

Regionalisierung meint nicht nur die erweiterten Aktionsräume der in den verschiedenen Städten einer Region lebenden Bewohner, sondern auch die Entwicklung von neuen, nutzungsgemischten Standorten abseits der alten Stadtkerne.

Die raumstrukturellen Konsequenzen beider Trends, Reurbanisierung und Regionalisierung, sind, sollten sie sich perspektivisch durchsetzen, absehbar: eine stärkere Fokussierung auf alte und neue Kerne innerhalb der großräumigen Städteregionen, verbunden mit der Aufgabe, diese Kerne möglichst effizient miteinander zu vernetzen (vgl. Polivka, Reicher, Zöpel 2017).

2. Dazwischen oder doch mittendrin?

Bei einer detaillierten Betrachtung der StadtLandschaft zwischen Köln und Kerkrade, zwischen Lüttich und Mönchengladbach, zwischen Aachen und Jülich, sind unterschiedliche Rahmenbedingungen und räumliche Prägungen vorzufinden. Genauso verschieden sind auch die Strategien, mit denen Stadt- und Regionalentwicklung derzeit betrieben wird.

 

- Das Agglomerationskonzept Köln/Bonn

Die Region Köln/Bonn stellt sich dem enormen Wachstumsdruck mit konkurrierenden Nutzungsansprüchen zwischen Siedlungsentwicklung und Freiraumschutz mit dem innovativen und strategischen Instrument eines Agglomerationskonzeptes. Ein im Jahre 2016 begonnener und auf drei Jahre angelegter kooperativer Dialog- und Planungsprozess mündet in Strukturbildern und Zukunftsprofilen für eine raumverträgliche und integrierte Siedlungs-, Mobilitäts- und Freiraumentwicklung. Für einen Zeitraum bis 2040 wird aufgezeigt, wie eine Region, deren Entwicklungsdruck derzeit am Limit ist, in einen Zustand einer ausgewogenen Balance geführt werden kann. Ansätze einer zukunftsfähigen Mobilitätsinfrastruktur werden mit Strategien einer dreifachen Innenverdichtung und einer urbanen Stadterweiterung in Einklang gebracht, und dies unter Berücksichtigung der Belange des Klimaschutzes und des zusammenhängenden Landschafts- und Freiraumgefüges.

Dieses erstmals in Deutschland angewandte informelle Instrument einer großräumigen Entwicklungsstrategie erscheint für einen regionalen Städtebau nicht nur deshalb prädestiniert, weil es die unterschiedlichen Belange integriert, sondern weil es in einem intensiven Dialog- und Planungsprozess mit den Akteuren in der Region entstanden ist und in der formellen Planung – vor allem auch im Regionalplan – Berücksichtigung findet. Also eine neue Form, Städtebau partizipativ (wenn auch nicht als Bürgerbeteiligung, sondern als Akteursdialog) zu gestalten und möglichst konkret in räumliche Zukunftsbilder zu übersetzen.

 

- Die Internationale Bauausstellung (IBA) Parkstad Limburg

Eine andere Strategie verfolgt die Parkstad Limburg. Die Initiative der EuRegionalen 2008, die als Format der Regionalentwicklung und Wirtschaftsförderung der nordrhein-westfälischen Landesregierung auf den Weg gebracht wurde, um die Drei-Länder-Region Aachen über die Grenzen hinweg zusammen wachsen zu lassen, hat die Städteregion Parkstadt Limburg mit ihrer Internationalen Bauausstellung (IBA) aufgegriffen. Die Region Parkstad mit ihren acht Gemeinden hat aufgrund ihrer Vergangenheit als Bergbaugebiet eine gemeinsame Geschichte und Identität. Seit den Zechenschließungen in den 1970er Jahren macht ihr eine hohe Arbeitslosigkeit zu schaffen. Infolgedessen widmet sich die IBA Parkstad seit 2013 gemeinsam mit der Provinz Limburg der weitergehenden Transformation der ehemaligen Bergbauregion: Mit der Schrumpfung der Bevölkerungszahl gibt es in der Region ein Überangebot an Wohnhäusern, Gewerbeimmobilien, Kirchen und anderen Einrichtungen mit sozialer Nutzung. Der Stadtumbau wird vorangetrieben, neue Wirtschaftsfelder werden erschlossen und die Energiewende wird forciert. Ziel ist es, der Wirtschaft, der Raumordnung und der Gesellschaft neue Impulse zu verleihen, und dies unter Einbeziehung der Bürger vor Ort. Neben einer ganzen Reihe innovativer Projekten, will die IBA mit grenzüberschreitenden Projekten insbesondere zur Region Aachen für die Entwicklung eines Raumes ohne Grenzen eintreten. Noch ist nicht absehbar, welche Projekte im Einzelnen in dem Präsentationsjahr 2020/21 realisiert bzw. auf den Weg gebracht sind und welche Strahlkraft die IBA über die Ländergrenze hinweg haben wird, dennoch wird schon jetzt deutlich, dass ein Format wie die IBA Parkstad in einem Prozess der Transformation eine konsensbildende und beschleunigende Rolle eingenommen hat.


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