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4. Regionaler und mehrdimensionaler Städtebau

Städtebauliche Visionen für die beschriebene, äußerst komplexe StadtLandschaft beziehen sich notwendigerweise auf den regionalen Maßstab, sind also nicht das Gleiche wie städtebaulichen Visionen für diese oder jene Stadt innerhalb der Region. Im Vordergrund steht die „Architektur“ dieser Region als Ganzes, also das, was sie trägt und repräsentiert.

 

- Qualitäten durch „Dreifache Nachverdichtung“

Jenseits der Kerne und Knoten der Region ist der Blick auf die neuen Entwicklungskorridore zu richten, wie sie bereits in der Erftschiene, im Rhein-Neuss-Kreis oder auch mit der Seenlandschaft angedacht sind. Zukünftige Entwicklungsstrategien müssen mit höheren Nutzungs- und atmosphärischen Dichten operieren. Auch die Areale in den bestehenden Siedlungsbereichen sollen dem Prinzip einer „Dreifachen Nachverdichtung“ folgen, den Aspekt der Mobilität mit einbeziehen und vor allem nicht auf eine einseitige Spezialisierung mit den immer gleichen Funktionen, sondern auf ihre funktionale Anreicherung, ein höheres Maß an Diversität setzen.

 

- Dreidimensionales stadtregionales Entwerfen

Die Kerne oder Knoten der polyzentrischen StadtLandschaft sind miteinander zu verbinden: zum einen mit leistungsfähiger Infrastruktur, zum anderen mit ästhetisch hochwertigen regionalen Räumen (Straßen, Flüsse, Seen Grünzüge etc.), wie dies bereits im Rahmen des Agglomerationskonzeptes Köln/Bonn für einen Teilraum thematisiert worden ist. Diese regionalen Räume gelten zu Recht als eines der zentralen Betätigungsfelder regionalen Städtebaus, weil sie für die Ästhetik einer trinationalen StadtLandschaft eminent bedeutsam sind. Allerdings werden – womöglich aus der Perspektive der klassischen Regional- oder technischen Infrastrukturplanung – die Verbindungen noch allzu häufig als Linien gedacht und begriffen, jedoch nicht als dreidimensionale Stadt- bzw. Landschaftsräume. Stadtregionales Entwerfen muss hier die überholte Perspektive des zweidimensionalen Planens hinter sich lassen. Dass erfolgreicher Städtebau immer häufiger mit qualitätvollen Freiräumen beginnt, ist nicht nur bei den derzeit laufenden Stadtumbauprojekten unübersehbar, sondern wurde bereits zu einer generellen Maxime der Stadtentwicklung.

 

- Erprobung in Reallaboren

Weil es auf viele Fragen zur künftigen Entwicklung noch keine befriedigenden Antworten gibt, braucht es in der komplexen trinationalen StadtLandschaft - in der Nachbarschaft zu den großen Metropolregionen wie Köln/Bonn - Reallabore, in denen die Zukunftsgestaltung in einem Schulterschluss aus Wissenschaft, Planern und den Menschen vor Ort erprobt wird. Für die Gestaltung von weit reichenden Zukunftsprozessen, für den Umgang mit der Transnationalisierung bestimmter Räume der Region, für die Erprobung neuer Nutzungsmodelle jenseits des Besitzens oder auch neuer Infrastrukturtechnologien – für all das braucht es womöglich andere Routinen, Konzepte, Akteure als wir sie bislang aus der Stadt des Industriezeitalters kennen. Auf solchen stadtregionalen Experimentierfeldern können letztlich andere Werkzeuge des Städtebaus, auch andere Stadtatmosphären entwickelt werden.

Ein vorläufiges Fazit

Leitlinien für einen mehrdimensionalen Städtebau – macht das Sinn? Ja, denn sie ersetzen nicht die städtebaulichen Zielsetzungen und Strategien, die jede der Städte, Orte und Dörfer für sich selbst und in Kenntnis der eigenen Aufgaben formulieren. Sie ersetzen auch nicht das, was zur Zukunft der Europäischen Stadt beispielsweise in der Leipzig-Charta bereits diskutiert und seither in vielen Programmen und Initiativen auf den Weg gebracht wird. Sie bieten aber die große Chance, sich auf einige wichtige Prinzipien zu verständigen, die gerade für die künftige städtebauliche Entwicklung dieser besonderen StadtLandschaft zu einer weltweit einzigartigen Modellregion und vor dem Hintergrund der anstehenden großen Transformation von Bedeutung sind.

 

 

Anmerkung:

 

Die Erkenntnisse des Beitrages stammen aus der Veranstaltungsreihe des Städtebaulichen Kolloquiums im Winter 2018/19 an der RWTH Aachen sowie einem anschließenden Workshop mit Akteuren aus den Regionen Aachen und dem Rheinischen Revier sowie der niederländischen Region Limburg.

Beide Veranstaltungen sind in Kooperation mit folgenden Partnern durchgeführt worden:

- Lehrstuhl für Städtebau und Entwerfen Institut für Städtebau und Europäische Urbanistik | Fakultät für Architektur | RWTH Aachen University

- Förderverein aachen_fenster e.V. | raum für bauen und kultur

- Netzwerk Innenstadt NRW

- ILS, Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung gGmbH, Dortmund

- SRL Vereinigung der Stadt- und Regionalplaner

 

Die Abbildungen sind Referenzbeispiele für das Projektes L’EAU. Laboratory for European Augmented Urbanism“, ein Kooperationsprojekt mit Maurer United Architects, Institut für Städtebau und Europäische Urbanistik an der RWTH Aachen sowie RHA Reicher Haase Assoziierte.. 

 

 

Literatur:

Maurer,M., Maurer N. (2019):

De Europese Stad van Morgen. Maastricht. 

Region Aachen Zweckverband (Hg.) (2019):

Vision 2038. Leitlinien für einen erfolgreichen

Strukturwandel 2.0, Aachen.

Polivka, J., Reicher, C., Zöpel, C. (Hg.) (2017):

Raumstrategien Ruhr 2035+. Konzepte zur Entwicklung

der Agglomeration Ruhr. Dortmund.

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